Ustertag 2023
Rede an der Nachfeier Ustertag 2023
19. November 2023
Sehr geehrter Herr Bundesrat Cassis
Sehr geehrter Herr Regierungsratspräsident
Geschätztes Ustertag-Komitee
Geschätzte Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden Küsnacht und Stäfa
Sehr geehrte Delegation aus Prenzlau
Liebe Freunde aus Silenen
Sehr geehrte Damen und Herren
Willkommen in Uster, schön, darf ich Sie als Stadtpräsidentin zum 194. Ustertag begrüssen!
Wie die strammen Mannen vor fast 200 Jahren haben Sie alle einen mehr oder weniger weiten Weg unter die Füsse genommen um hier den Ustertag zu feiern.
Die einen sind tatsächlich zu Fuss gekommen: Die Delegierten aus Stäfa und Küsnacht sind wie damals mutig und unerschrocken über den Pfannenstiel gestiegen. Über ihre Heldenreise, den Kampf gegen Wind und Sturm und über die Blasen an den Füssen werden sie wohl später selbst berichten. Mit im Gepäck hatten sie wie immer den Wein, den wir heute trinken. Und dies hat doch schon einmal einen ersten Applaus verdient.
Andere unter uns haben nicht nur den Pfannenstiel, sondern gar den mächtigen Gotthard bezwungen. Sie sind aus dem sonnigen Süden angereist – und sie waren nach der langen Reise noch so fit, dass sie in der Kirche elegant die steile Treppe auf die Empore kochklettern konnten. Wie sind beeindruckt! Herr Bundesrat Cassis, ich heisse sie herzlich willkommen. Dank ihrem Besuch und jenem ihrer Kollegin Karin Keller-Sutter im letzten Jahr hat Uster in kurzer Zeit die gesamte FDP-Bundesratsvertretung empfangen. Für uns ist das ausserordentlich. Böse Zungen haben im Vorfeld behauptet, dass das bürgerliche Ustertag-Komitee die FDP-Bundesräte noch feiern wolle, solange es sie im Doppel gebe.
Sehr geehrter Herr Bundesrat, der 13. Dezember wird diese Provokateure eines Besseren belehren!
Nicht aus dem Süden, sondern aus dem Norden ist der Bürgermeister aus unserer Partnerstadt Prenzlau angereist. Jawohl, Henrik Sommer und mit ihm Ludger Melters, der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung Prenzlau haben stolze 1'000 Kilometer hinter sich. Auf ihrem Weg haben sie Berlin links liegen gelassen, um auf direktem Weg nach Uster zu gelangen.
Einfacher hatten es unsere Freunde aus Silenen. Sie pilgerten aus dem wilden Urnerland und konnten dabei der Fährte von Bundesrat Cassis folgen.
Regierungspräsident Marion Fehr aus Adliswil hatte keine grossen Hindernisse zu bewältigen – ausser vielleicht die Stadt Zürich. Er kennt den Weg nach Uster dank seiner zahlreichen Besuche bei uns bestens. Als Sozialminister teilt er uns immer wieder Gäste aus fremden Ländern zu, die eine noch weitere Reise hinter sich haben und bei uns aufgenommen werden. Gerade in diesen Tagen empfangen wir hier in Uster eine grosse Anzahl unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender.
Und dann haben wir natürlich auch Gäste unter uns, die aus der Nähe kommen: Die Vertreter unserer Vertreterinnen unserer umliegenden Gemeinden und aus Uster selber, darunter meine Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtrat.
Wie heute strömten sie auch am 22. November 1830 aus allen Richtungen nach Uster - die 10'000 Männer. Sie haben unsere Stadt für ihre Versammlung ausgewählt, weil sie geografisch im Zentrum des Kantons liegt und eine grosse Kirche hatte. Gekommen war damals übrigens keine homogene Gruppe der Obrigkeit, sondern eine illustre Menge aus Unzufriedenen. Nur ein Teil war dabei gut gebildet und wollten eine moderne Verfassung, Pressefreiheit und ein besseres Schulsystem. Andere kamen aus ihrer Heimarbeit, waren arm und wurden ausgebeutet. Sie forderten aus Angst vor Verlust den Stopp der industriellen Revolution und brannten zwei Jahre später gar eine Textilfabrik hier in Uster ab. Eine wiederum andere Gruppe vertrat die Bauern, die weniger Abgaben abliefern wollten.
Einig waren sich alle darin, dass das Übel in Zürich liegt und Uster der ideale Platz sei, um sich zu treffen, auszutauschen und seine Forderungen an die Obrigkeit zu formulieren.
Was hier begann, führte zu einer neuen Kantonsverfassung und war prägend für die Gründung des Bundesstaates 1848. Diese jährte sich am 12. September bekanntlich zum 175-igsten Mal und wurde entsprechend gefeiert. Am letzten Mittwoch hat uns der Verfassungsrechtler Professor Andreas Kley von der Universität Zürich historische Hintergründe zu diesem Ereignis nähergebracht und uns auch über manchen Mythos aufgeklärt.
Haben sie zum Beispiel gewusst, dass die Neutralität nicht von der SVP erfunden wurde, sondern massgeblich von einem russischen Zaren geprägt wurde? Über die Beweggründe kann nur spekuliert werden, mutmasslich wollte er nicht, dass eine andere europäische Grossmacht die wichtige Nord-Südverbindung über die Alpen kontrolliert. Oder wir hörten von Professor Andreas Kley, dass die Schweiz beileibe nicht nur aus eigener Kraft von innen her entstand, sondern äussere europäische Kräfte eine ebenso starke Rolle spielten.
Zurück nach Uster: Noch heute kommen Menschen aus nah und fern nach Uster. Sie kommen zwar nicht mehr, um gegen die Zürcher Obrigkeit zu wettern.
Sie kommen, um an Veranstaltungen teilzunehmen, Verhandlungen zu führen, um zu arbeiten und sich zu bilden. Sie kommen, um Sport zu treiben, Feste zu feiern und sich mit Kunst und Kultur auseinander zu setzen. Sie wollen hier einkaufen und sie kommen, um sich medizinisch behandeln und pflegen zu lassen.
Sie kommen, weil Uster wie damals gut erreichbar ist und im Zentrum des Kantons liegt. Sie kommen, weil Uster ein regionales Zentrum ist. Und dieses muss die nötigen Infrastrukturen und Dienstleistungen für die Bevölkerung der Region anbieten können. Dafür brauchen wir starke Kooperationen mit dem Kanton und mit den umliegenden Gemeinden. Und wir brauchen für die bevorstehenden Abstimmungen zu unserem Regionalspital Uster und später zum Kultur- und Begegnungszentrum auf dem Zeughaus eine breite Unterstützung.
Nach diesem Apell in eigener Sache möchte ich zum Schluss sagen, wie fest ich mich freue, dass wir in Uster Brauchtum pflegen und Historisches reflektieren können. Ich möchte deshalb dem Ustertag-Komitee für das grosse Engagement herzlich danken. Ich finde, das hat abschliessend einen ganz grossen Applaus verdient.
Herzlichen Dank.

