Kunstpreis 2023 der Stadt Uster
Laudatio für Jan Czerwinski
24. Januar 2023
Lieber Jan
Wir feiern heute beide eine Premiere: Du erhältst zum ersten Mal den städtischen Kunstpreis – und ich halte hier zum ersten Mal eine Laudatio. In dieser Rolle bin ich eine Quereinsteigerin. Meine Herkunft ist die Architektur, mein heutiges Metier die Politik. Der Arbeitsalltag einer Politikerin unterscheidet sich deutlich von jenem eines Künstlers. Während du in deinem kühlen Atelier im Zeughausareal alleine und konzentrierst malst, sitze ich unweit davon im Stadthaus und diskutiere mit unterschiedlichsten Menschen. Bei mir geht’s ums Wort, bei dir ums Bild.
Was unsere Welten aber immer verbindet, ist ein Gemälde von Dir. Die Stadt Uster hat es vor fünf Jahren angekauft. Es ist 70 cm hoch und 60 cm breit. Du hast es im Jahr 2015 mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Es trägt den Namen «Bankgeheimnis» und hängt unmittelbar über meinem Sitzungstisch. In meinem Alltag ist es sehr präsent. Als stiller Zeuge begleitet es alle Gespräche, die ich in meinem Büro führe. Das Bild zeigt im Vordergrund zwei senkrechte Metallstreifen, die so realistisch dargestellt sind, als wären sie fotografiert. Den Hintergrund hast Du ebenfalls sehr genau, aber leicht verschwommen gemalt. Es ist eine Strasse zu erkennen, die von grünen Büschen und einem Baum abgeschlossen wird. Die Metallstreifen waren einst hellblau bemalt und strahlten wohl frisch und fröhlich in die Welt. Durch die Witterung ist die Farbe abgeblättert. Der Glanz ist gewichen. Nun zerfrisst der Rost das Metall. Diesen Zerfall hält dein Bild fest. Es konserviert ihn. Handelt es sich bei den beiden Metallstreifen um zwei Staketen eines Zauns oder wie der doppeldeutige Titel nahelegt, um ein Fragment einer dahinrostenden Bank? Beide Bildebenen sind meisterhaft gemalt und bis ins letzte Detail ausgearbeitet. Als Betrachterin vermute ich stundenlanges Werken für wenige Quadratzentimeter. Ich stelle mir vor, wie du im Atelier vor der Leinwand sitzt und dich auf einen einzigen Quadratzentimeter konzentrierst. Deine Hand stützt du dabei auf einer waagrechten Latte ab. Hierfür hast du eigens eine spezielle Konstruktion entwickelt. Ohne diese Konstruktion könntest du wohl kaum so lange den Pinsel mit dieser Genauigkeit führen ohne bald an den Folgen eines Tennisarms zu leiden. – Ja, Kunst hat mitunter auch mit Sport zu tun.
Ich liebe dieses Bild in meinem Büro – dieses Bankgeheimnis. Es vermittelt eine gewisse Melancholie und – Ewigkeit. Ewigkeit, Zeitlosigkeit, Stille, Vergänglichkeit. Es setzt einen gelassenen Kontrapunkt zur alltäglichen Hektik des politischen Alltags und lässt manches Tagesproblem auf eine bewältigbare und tröstliche Grösse schmelzen.
Für deine Kunst bis du viel in der Natur unterwegs. Du suchst deine Motive in den Bergen und Landschaften. Dort machst du deine Handskizzen und Fotografien. Im Atelier konstruierst du aus diesem Material dann deine eigenen Bilder. Du verfremdest die Landschaften, so dass ich als Bergfreundin die Gipfel nicht mehr erkenne. Dann ergänzt du die Bilder mit Elementen, die von Dir hinzuerfunden wurden. Dies können verwitterte Bretter, Flechten, Tierschädel oder – wie bereits beschrieben – rostige Metallstäbe sein. Abgesehen vom einen oder anderen Totenkopf sind die Szenerien menschenleer.
Deine neueren Arbeiten hast unter dem Titel «Hybride Landschaften» im letzten Herbst bei deinem Galeristen Sam Scherrer in Zürich ausgestellt. Sie unterscheiden sich von deinem bisherigen Schaffen. Nach wie vor zeigst du uns grossartige Landschaften, die aber auf Elemente im Vordergrund meist verzichten. So strahlen die Bilder eine neue Weite und Grosszügigkeit aus. «Bauernmalerei» nennst du die Gemälde, weil sie oftmals aus unterschiedlichen farbigen und streng geometrischen Flächen und Räumen komponiert sind. Diese stehen für die von Menschen angelegten Felder und Äcker. Die Betrachtung der Bilder führt zu fundamentalen Fragen wie dem Verhältnis zwischen Kultur und Natur, Raum und Zeit oder der Konstruktion von Wirklichkeit.
Lieber Jan, der Kunstpreis wird dir verdienterweise für deine herausragenden künstlerischen Leistungen verliehen. Mit deinem Engagement in der Kunstvermittlung und Kulturpolitik hättest du den Preis aber ebenso verdient.
Doch zuerst zu deiner Biografie: Du kamst 1966 - übrigens im gleichen Jahr wie ich - in Singen zur Welt und bist an der Schweizer Grenze aufgewachsen. Übers Toggenburg hat dich dein Weg nach Uster gebracht, wo du seit 16 Jahren lebst. 2011 bis du mit deinem Atelier ins Zeughaus gezogen. Künstlerisch tätig bist du aber schon länger. Als Autodidakt hast du dich vor 36 Jahren erstmals an einer Ausstellung beteiligt. 1998 und im Jahr 2000 wurdest du vom Kanton Zürich mit Werkbeiträgen für bildende Kunst ausgezeichnet. Mittlerweile hast du deine Werke an über vierzig Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt.
Neben deinem eigenen Kunstschaffen engagierst du dich in der Kunstschule Wetzikon. Diese aussergewöhnliche und beispielhafte Institution ist eine Kunstschule für Alle. Sie geht neue Wege und schafft neue Zugänge zur Kunst. Im vorletzten Jahr hat die Kunstschule Wetzikon den Anerkennungsbeitrag des Kantons Zürich für kulturelle Teilhabe erhalten. Als Künstler und erfahrener Sozialpädagoge ermöglichst du Menschen mit Beeinträchtigung eine Kunstausbildung und unterstützt sie in ihrer künstlerischen Entwicklung auf professionellem Niveau.
Gross ist dein Engagement aber auch für die Kultur in Uster. Als Pioniernutzer des Zeughausareals leistest du einen wertvollen Beitrag an diesem Ort der Begegnung und Kultur. Du hast aktiv in der Echogruppe mitgewirkt, die das Bauprojekt Zeughausareal begleitete. Einen Meilenstein auf dem Zeughaus setztest Du 2018 mit der Malereiausstellung «MK2», die du zusammen mit deinem Künstlerkollegen Martin Reukauf realisiert hattest. Diese Initiative war der Startschuss für viele weitere Ausstellungen, bei denen du dabei warst: So zum Beispiel «KOSMOSE» oder im vergangenen Sommer die grosse Gruppenausstellung «ARSENAL 23».
ARSENAL 23 war denn auch die erste Ausstellung des neu gegründeten Kunstverein Uster. Als Gründungs- und Vorstandsmitglied hast du dich bei dieser wichtigen Plattform für bildende Kunst mit ganzem Herzen und vielen ehrenamtlichen Stunden eingebracht. Und schliesslich engagierst du dich kulturpolitisch auch in der IG Kultur.
Lieber Jan: Als Stadtpräsidentin schätze ich Dein Mitdenken, Dein Interesse und Deinen Tatendrang für Uster ausserordentlich. Ich bin glücklich und dankbar, dass du in unserer Stadt angekommen bist und diese mit deinem leidenschaftlichen, talentierten und engagierten Wirken mitprägst und mitgestaltest.
Die Stadt Uster verleiht dir heute den Kunstpreis. Du hast ihn mehrfach verdient. Ich gratuliere dir herzlich, sage Danke und bitte Sie alle um einen grossen Applaus!

